"Die kosmische Weltsicht des 21. Jahrhunderts
erfordert eine zeitgemäße globale Spiritualität."

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Kontemplation

Zendo im Benediktushof
Das Auge, in dem ich Gott sehe, das ist dasselbe Auge, darin mich Gott sieht; mein Auge und Gottes Auge, das ist ein Auge und ein Sehen und ein Erkennen und ein Lieben.
(Meister Eckhart)

Die christliche Kontemplation kann als der westliche mystische Weg verstanden werden, der in die Versenkung führen und die letzte Wirklichkeit erfahrbar machen will.

Das Wort "Kontemplation" kommt aus dem Lateinischen. Contemplari heißt "schauen". In der christlichen Literatur wird der Begriff nicht einheitlich verwendet. Manchmal wird er im Sinne von Meditation oder Betrachtung verwendet und meint dann ein Meditieren über etwas, über einen Inhalt, sei es ein Spruch, ein Bild, eine Vorstellung. Dann wieder dient er zur Bezeichnung einer ungegenständlichen Form des Betens, und nur um diese geht es mir hier. Kontemplation meint dann kein Meditieren über einen Inhalt, sondern einen Zustand des Erfahrens jenseits der aktiven Kräfte unseres Tagesbewusstseins.

Ziel der Kontemplation ist das Schauen ins eigene Selbst, Schauen des Göttlichen in uns und in der Schöpfung in Form des Innewerdens oder Erfahrens jenseits unserer intellektuellen Fähigkeiten.

Kontemplation kann in vier Phasen eingeteilt werden, die sich in der Praxis aber stets überschneiden:

1. Gebetsübung als Weg in die Kontemplation
2. Wahrnehmung des eigenen Seins - Gebet der Ruhe
3. Erleuchtungserfahrung
4. Personalisierung der Erleuchtungserfahrung

Die ersten beiden Phasen können von fast jedem Menschen durch Übung erreicht werden. Sie führen zu einem Zustand großer Ruhe und tiefen Friedens. Im christlich-religiösen Bereich nennt man ihn "Gebet der Ruhe", das als schlichtes Sein in der Gegenwart Gottes erfahren wird. Der Mensch schaut in seine eigene Tiefe, die immer die Tiefe Gottes ist. Das "Gebet der Ruhe" hat gewöhnlich auch einen starken umstrukturierenden Effekt auf die Persönlichkeit. Doch handelt es sich hier noch nicht um einen mystischen Zustand im eigentlichen Sinn. Dieser tritt erst in den Phasen drei und vier ein. Der mystische Zustand widerfährt dem Menschen: er kann nicht willentlich herbeigeführt, sondern nur durch die Übung vorbereitet werden. Er ist nur möglich, wenn die Seelenkräfte Verstand, Gedächtnis und Wille zur Ruhe gekommen sind. Alle seelischen Kräfte verhalten sich passiv; alle religiösen Bilder, Visionen, inneren Ansprachen und frommen Gedanken und Verzückung sind zurückgelassen. So schreibt Evagrios Ponticus in seinem Traktat "Über das Gebet", dass man zur Einheit mit Gott nur kommen kann, wenn man ganz frei ist von Vorstellungen und Gedanken. Ebenso forderte der große spanische Mystiker Johannes vom Kreuz, alles Bildhafte und Konzeptionelle zurückzunehmen. Der Durchbruch, den er als Aufstieg auf einen Berg beschreibt, führt in einen transrationalen Bewusstseinsraum, den er mit 'Nada' - Nichts - bezeichnete. Und Hadewijch v. Antwerpen drückte diese Erfahrung in den folgenden Worten aus: "Wenn die Seele allein steht in der uferlosen Ewigkeit, weit geworden, gerettet durch die Einheit, die sie aufnimmt, dann wird ihr etwas Einfaches enthüllt, das Unaussprechliche, das reine und nackte Nichts."

Der Mensch, der in diesen Raum eintreten darf, erfährt ein Erwachen zu seinem wahren Wesen, das Christen göttlich nennen. Dieses Einssein heißt so alt sein wie Gott, heißt zeitloses Leben sein. Unser tiefstes Wesen hat kein Alter. Es ist zeitlos wie Gott selbst. Wenn wir diese zeitlose Existenz erfahren, sind wir auferstanden.


Aus dem Buch von Willigis Jäger, Westöstliche Weisheit - Visionen einer integralen Spiritualität, erschienen 2007 im Theseus Verlag.



Bitte besuchen Sie auch die Homepage der Würzburger Schule der Kontemplation: www.wsdk.de
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